Apotheken haben die Wahl: reiner Arzneimittelabgeber bleiben oder zum Kompetenzzentrum in anderen Fachbereichen werden. Das weiß Apothekerin Uta Mühle, die das Konzept der „Babyfreundlichen Apotheke“ mit etabliert hat. „Ob die Politik bei unserem Kerngeschäft mal einen Euro aufschlägt oder 50 Cent, darauf können wir uns nicht verlassen. Dann können wir doch besser andere Felder, die Geld und Sinn bringen, erschließen. Ich kann Apotheken nicht verstehen, die heute einfach nur Arzneimittel abgeben, zumal es wichtiger denn je ist, unternehmerisch zu denken“, sagt sie.
Mit dem Konzept der babyfreundlichen Apotheke möchte der Verein den Vor-Ort-Apotheken die Möglichkeit geben, langfristig als Spezialisten zu agieren. Laut Mühle war dies auch die Gründungsidee im Jahr 2007. „Wir möchten Mitgliedsapotheken zu jeder Zeit an die Hand nehmen und sehr viel Fachwissen vermitteln, damit sie immer auf dem neuesten Stand sind“, betont sie.
Das Fundament der Babyfreundlichen Apotheke fußt auf zwölf Standards, die sich an den Maßgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) orientieren: Schulung, Transparenz, Medikation, Stillinformationen, Stillhilfsmittel, Ernährung, Künstliche Säuglingsnahrung, Beikost, Stillen und Berufstätigkeit, Unterstützung sowie Milchpumpen- und Babywaagen-Verleih und Netzwerkaufbau.
Diese hohen Qualitätsstandards seien wichtig, damit die Apotheken mit „den Netzwerkpartnern und den Krankenhäusern, die babyfreundlich sind, auf Augenhöhe sein“ könnten. Über die Jahre habe sich um die Mitgliedsapotheken ein großes Netzwerk aus Hebammen, Krankenhäusern und Apotheken etabliert und die Betriebe agieren als Lotsen: „Dadurch können wir stets jemanden vermitteln, der Fragen und Herausforderungen jeglicher Art kurzfristig beantworten kann.“
Zum Konzept der Babyfreundlichen Apotheken gehöre deshalb ein mehrstufiger Qualifizierungsprozess, beginnend mit Grundlagenschulung und ein vom Verein erarbeitetes Qualitätsmanagementsystem (QMS), das in der Apotheke umgesetzt und gelebt werden müsse. „Wir setzen außerdem voraus, dass in einer zertifizierten Apotheke während ihrer Öffnungszeiten mindestens ein Mitarbeitender anwesend ist, der diese Kompetenzen erworben hat“, betont Mühle.
Das vermittelte Wissen umfasse die unterschiedlichsten Bereiche; von Stillhilfsmitteln über Babyernährung, das Stillen selbst bis hin zu Fragen, die Mütter und Väter direkt betreffen. Es gibt laut Mühle unzählige Fragen, die werdende Eltern beschäftigen. Diese können fortgebildete Apotheken – gegebenenfalls unter Zuhilfnahme von Netzwerkpartner:innen – direkt klären oder Hilfestellung leisten.
Babyfreundlich zu werden sei eine Chance für Apothekenteams, werdende und junge Eltern als Spezialisten zu begleiten. „Unsere Philosophie ist, dass Gesundheit im Mutterleib beginnt“, betont die Mitgründerin. „Wir stärken das Wissen über natürliche Vorgänge des Körpers und fördern das Selbstvertrauen der werdenden Mütter. Wir stehen mit Rat und Tat als niedrigschwelliger Ansprechpartner im Wochenbett, in der Stillzeit und in der Babyzeit zur Verfügung.“
In vielen Gesprächen nehme Mühle seit Jahren wahr, dass an der Fortbildung zwar großes Interesse bestehe, „aber die Apotheken ziemlich dicht im Kopf sind. Ich höre sehr oft von Apothekenteams, dass sie gerne babyfreundlich wären, ihr Tag aber endlich sei. Sie wissen einfach nicht, wie sie es umsetzen sollen. Das eigene Team habe kaum noch Kraft, Fortbildungen zu machen. Der Apothekenalltag ist einfach in den letzten Jahren viel herausfordernder geworden.“
Dank eines fertigen QMS und der Betreuung durch Gutachterinnen ist der Einstieg laut Mühle unkompliziert. Unabhängig vom Umfang der Ausbildung bleibe das erworbene Wissen ein dauerhafter Vorteil. Als Aushängeschild wirke die Kompetenz in jedem Fall, da sie sich schnell herumspreche. „Man kann auch einfach unverbindlich nur die Grundlagenschulung machen. Dann kommt die Entscheidung: Will ich, dass ich das Wissen in der Apotheke habe? Oder möchte ich den Weg der Zertifizierung gehen?“
Darüber hinaus hätten sich weitere Bildungsmaßnahmen entwickelt. „Karin Kriwanek, unsere erste Vorsitzende seit Vereinsgründung, hat die ApoHebAkademie geschaffen.“ Die Plattform bietet die Qualifizierung zur Fachberaterin an – unabhängig von einer Zertifizierung als babyfreundliche Apotheke. Das Angebot verknüpft pharmazeutisches Wissen mit Themen wie Stillberatung, Beikost und Säuglingspflege und verbindet wissenschaftliche Grundlagen mit praktischer Beratung.
Viele Inhaber:innen legen laut Mühle ihren Fokus eher auf Aspekte, die augenscheinlich betriebswirtschaftlich einen schnelleren Benefit erzielen. Nüchtern betrachtet bringt eine Spezialisierung laut der Apothekerin aber immer Vorteile mit sich. „Die emotionale Kundenbindung steht ganz, ganz vorne. Babyfreundlich ist ein betriebswirtschaftlich feines Konzept.“
Inwiefern sich das in den aktuell 86 gelisteten babyfreundlichen Apotheken umsatztechnisch konkret niederschlage, wisse Mühle nicht. „In meiner Apotheke sind in den ersten drei Jahren – wo wir maßgeblich Jungfamilien betreut haben – rund 85 Prozent geblieben. Mehr als die Hälfte sind langfristige Stammkunden bei mir geworden.“ Junge und werdende Eltern stünden im Zentrum eines Familienverbundes, der auch Großeltern sowie weitere Verwandte umschließe. Diese Form der emotionalen Kundenbindung schlage sich letztlich in einer langfristigen und loyalen Kundschaft nieder. „Betriebswirtschaftlich hat es sich deshalb für mich sehr gelohnt.“
Gerade in der aktuellen Zeit, in der sich für Apotheken zwar viel ändere, aber finanzieller Stillstand herrsche, müsse Spezialisierung geschehen, findet Mühle. „Ob die Politik bei unserem Kerngeschäft mal einen Euro aufschlägt oder 50 Cent, darauf können wir uns nicht verlassen. Dann können wir doch besser andere Felder, die Geld und Sinn bringen, erschließen. Ich kann Apotheken nicht verstehen, die heute einfach nur Arzneimittel abgeben, zumal es wichtiger denn je ist, unternehmerisch zu denken.“
Derzeit werde viel Negatives berichtet – auch in puncto Streik. „Ja, wir müssen Haltung beweisen. Ja, wir müssen protestieren – aber kommt doch mal aus dieser negativen Glocke raus; es wird nicht besser, wenn wir auf der Stelle stehen bleiben“, kritisiert Mühle.
Es gebe genug Herausforderungen in der aktuellen Zeit. „Wir lösen Probleme. Es gibt immer seltener Familienverbünde, es ist eher normal, dass es eine alleinerziehende Person gibt. Vor uns steht nicht selten ein alleinerziehender Vater mit Fragen. Die Gesellschaft ist facettenreich.“